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Zur Rolle Thomas Müntzers für die Thüringer Humanisten

21.​11.​2025

Zur Rolle Thomas Müntzers für die Thüringer Humanisten

Dr. Andreas Schulz, Frank Roßner

(Die Stellungnahme entstand auf Bitte der Besucherin Marianne Kroeger vom Erfurter Friedenskreis anlässlich unseres Bücherbasars zum 1.Mai 2025 auf dem Anger in Erfurt)

Das Jahr 1525 steht nicht nur in Thüringen oder Deutschland, sondern darüber hinaus innerhalb und außerhalb Europas im Zeichen eines Mannes – Thomas Müntzer. Wir verweisen dazu auf den von Krampitz und Scharenberg im AlLIBRI- Verlag herausgegebenen Sammelband 

DRAN! DRAN! DRAN! Thomas Müntzer, der Bauernkrieg und die Entblößung des falschen Glaubens

In Zeiten, in denen „Ungläubige“ durch die in Europa herrschenden Klassen versklavt oder physisch vernichtet wurden, kämpfte der wie Martin Luther aus bürgerlichen Verhältnissen stammende und im heutigen Sachsen-Anhalt aufgewachsene Thomas Müntzer gegen die nach seiner Auffassung „Gottlosen“ seiner Zeit: als Theologe, Pastor und Revolutionär.

 Er kämpfte:

  • gegen Papst und Bischöfe, die die Vergebung der Sünden gegen eine schnöde Geldzahlung versprachen,

  •  gegen die Adligen und Pfaffen, die notleidende Bauern auf dem flachen Land, Tagelöhner und Plebejer in Städten und Vorstädten auspressten, um ihr Leben im Luxus zu finanzieren,

  • gegen die Patrizier und Finanziers, die in den Städten mit ihrem wachsenden Reichtum prassten,

  • gegen die Fürsten, denen jedes Mittel der Gewalt recht war, solange es nur dazu diente, ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten

  • gegen den Vater der Reformation Martin Luther selbst. Die Menschen hatten aus seinen Lehren die Freiheit aller Christenmenschen abgeleitet und sich auf die Fahnen geschrieben, sodass sie auch als Banner der aktuellen Landesausstellung zum Bauernkrieg in Mühlhausen gewählt wurde. Müntzer hielt an ihr fest. Luther hingegen predigte tatsächlich bedingungslose Unterwerfung und sollte die ersehnte Freiheit in der Unfreiheit des landesherrlichen Kirchenregimentes wieder ersticken (siehe dazu auch von Karsten Krampitz sein fast schon klassisches Werk aus dem gleichen Verlag „Jedermann sei untertan“ Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert).

Für uns Humanisten heißt es „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“

Nachzulesen in unserem „Humanistischen Selbstverständnis 2018“ und bei Hubert Cancik, Horst Groschopp, Frieder Otto Wolf (Hrsg.) HUMANISMUS: GRUNDBEGRIFFE als Paperback im Verlag DE GRUYTER und im Internet zum Beispiel hier https://diesseits.de/tatkraft/2024/abschiedsrede-bundesvorstand-erwin-kress/ 

Im Rahmen des Müntzer-Jubiläums sind viele „dicke Bücher“ veröffentlicht worden. Einer der Autoren der Engländer Andrew Drummond, dessen Bestseller noch nicht im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurde, äußert sich bei Krampitz und Scharenberg zu der Frage ist Müntzer noch aktuell? Seinen Grundaussagen schlie0en wir uns als Humanisten an und möchten aus Zeitgründen nur ein Beispiel anführen: 

  • …die Ursache des Wuchers, der Dieberei und Räuberei, sind unsere Herren und Fürsten. Sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum: Die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muss alles ihnen gehören… so sie nun alle Menschen nötigen, den armen Ackermann Handwerkmann und alles was da lebt schinden und schaben, sobald der gemeine Mann sich dann vergreift am allergeringsten so muss er hängen

     

    Andrew Drummond leitet daraus die Feststellung ab

     

  • „Lassen sie uns ohne weitere Ausflüchte feststellen, ja Müntzer hat uns etwas zu sagen. Seine Worte ermutigen uns die heutigen „Gottlosen und Tyrannen“ zu identifizieren; er möchte, dass wir keine Angst vor ihnen haben und nur unserer eigenen Moral und unseren eigenen Werten treu bleiben;“

Drummonds stellt als letzte Frage: „… wird die Apokalypse über uns hereinbrechen?“, und er gibt als Antwort: Sie wird es mit Sicherheit, es sei denn, wir stellen uns wie Müntzer und die Rebellen von 1525 den gottlosen Tyrannen entgegen.“

Die Angst vor einer Apokalypse, verstanden als ganz weltliche Bedrohung der Zivilisationen wie der Menschheit, die nicht nur Thomas Müntzer umtrieb, sondern auch Andrew Drummond in unserer Zeit umtreibt, ist brandaktuell. 

Thomas Metzinger, einer der weltweit führenden Bewusstseinsforscher, erklärt hierzu in seinem Abschiedswerk 2023 in fünfter Auflage im Berlin Verlag erschienen Werk:

bewussteinskultur Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise

 „Wir müssen uns ehrlich machen. Die Menschheit befindet sich mitten in einer planetaren Krise. Die globale Krise ist selbstverschuldet, historisch beispiellos – und es sieht nicht gut aus…Seit einem halben Jahrhundert wissen wir, dass das alte, von Gier, Neid und rücksichtslosem Wettbewerb angetriebene Modell des kontinuierlichen Wirtschaftswachstums uns in die globale Katastrophe führt – vor allem aufgrund der engen Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Kohlendioxidemissionen. …realistisch betrachtet sind unsere Handlungsoptionen nur noch auf Schadensbegrenzung und ein möglichst intelligentes Krisenmanagement beschränkt. …

Religionen können dabei nicht helfen – es gibt keine Gottesbeweise.“

In diesem Sinne stehen wir im HVD LV Thüringen in der Tradition Thomas Müntzers und Thomas Metzingers.

Ein Nachwort zu Thomas Müntzer und darüber hinaus

Während der Reformator Martin Luther sich mit seinen Theorien an die zur Herrschaft aufsteigende feudal - bürgerliche Macht wandte, die schließlich zum Absolutismus und unter dem wilhelminischen Machtanspruch in Deutschland zu „Kaiser von Gottes Gnaden“ bis hin zum sogenannten deutschen Christentum führte,

zeigte Müntzer mit seiner Fürstenrede in Allstedt 1523 die Möglichkeit auf, in Form einer Sozialreform wie auch seine mittelalterlichen Vorgänger die Katharer, Waldenser, Wycliff, Huss und viele ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter „Gottes Reich auf Erden zu errichten“ (mehr dazu unter http://www.bauernkriege.de/Europa.html

Alle namentlich genannten und nicht nur sie, wurden von den herrschenden Kirchenoberen und den Feudalherren unbarmherzig zu Tode gefoltert.